Thailands Geschichte – Teil IV

Siam im Umbruch

Territorium Siam

Gebiete welche Siam an die Kolonialmächte zwischen 1888 und 1909 abtreten musste.

Die Kolonialmächte England und Frankreich waren bereits in Territorien vorgestoßen, die ursprünglich zur siamesischen Einflusszone gehörten. König Mongkut und sein Nachfolger König Chulalongkorn (Rama V.) versuchten die Abwehrkräfte Siams durch westliche wissenschaftlich-technische Errungenschaften zu absorbieren und so der Kolonisierung zu entgehen.

König Mongkut war nicht nur in den traditionellen und buddhistischen Wissenschaften Siams bewandert, sondern er hatte sich auch intensiv mit den modernen westlichen Naturwissenschaften auseinandergesetzt. Er war der erste siamesische Monarch, der die englische Sprache beherrschte.
Sein Sohn Chulalongkorn, der 1873 als 20- jähriger den Thron bestieg, hatte neben einer traditionellen siamesischen Erziehung auch eine englische Erzieherin gehabt. Er hatte in jungen Jahren, die durch ausländische Mächte kolonisierten Gebiete Asiens bereist und dort den technischen Fortschritt dieser kolonisierten Länder studiert. Wiederholt bereiste er inkognito sein eigenes Land und besuchte Europa zweimal in den Jahren 1897 und 1907.

1855 unterschrieb König Mongkut den Bowring Vertrag, unter dem Eindruck der Erfolge, die England im benachbarten Burma erzielte. Dieser Vertrag hob das königliche Außenhandelsmonopol auf, die Importzölle wurden herabsetzte und England wurde eine Meistbegünstigungsklausel einräumte. Der Bowring-Vertrag bedeutete die Integration Siams in die Weltwirtschaft, gleichzeitig verlor das Königshaus aber seine wichtigsten direkten Einnahmequellen.
Ähnliche Verträge wurden in den folgenden Jahren mit allen westlichen Kolonialmächten abgeschlossenen. Die Überlebensdiplomatie, die Siam schon seit langer Zeit außenpolitisch gepflegt hatte, erreichte somit in dieser Epoche ihren Höhepunkt.
Die Integration in die Weltwirtschaft bedeutete für Siam, dass es ein Absatzmarkt für westliche Industriewaren und ein Anlageplatz für westliches Kapital wurde. Es begann der Export von agrarischen und mineralischen Rohstoffen. So wurden um 1900 mit den drei Produkten Reis, Zinn und Teakholz 90 % des Exportumsatzes erzielt.

Auf politischem Gebiet wurde der Absolutismus beibehalten, es wurde jedoch ein beratendes Gremium, der Staatsrat, geschaffen und 10 Fachministerien aufgebaut. Alle führenden Beamten waren jedoch wie früher Adelige und wurden vom König ernannt.
Es wurde eine Armee nach ausländischem Vorbild aufgebaut, Kriegsschiffe angeschafft und europäische Berater in das Offizierskorps aufgenommen. Hierbei wurde große Sorgfalt darauf verwendet, keiner europäischen Macht zu großen Einfluss zu verschaffen.

Ein staatliches Schulwesen wurde eingeführt, da die traditionelle Bildung, die den Jungen in den Tempeln und Klöstern vermittelt wurde, den modernen Anforderungen nicht mehr entsprach. Ab 1900 entstanden auch Schulen für Mädchen. Die von König Chulalongkorn gegründeten Fachschulen bildeten die Basis für die spätere Gründung von vollwertigen Universitäten.

Auf sozialem Gebiet wurde die persönliche Unfreiheit Schritt für Schritt abgeschafft. An die Stelle der Arbeitsdienste, die die Untertanen ihren Herren schuldeten, traten Steuern in Geldform. Dies brachte erhebliche Produktivitätsgewinne mit sich, gleichzeitig lockerten sich traditionelle persönliche Abhängigkeitsverhältnisse.
Gegen die Modernisierung regte sich auch Widerstand im eigenen Land: so musste 1875 eine Palastrevolte niedergeschlagen werden. wiederholt kam es zu Bauernaufständen in Nord- und Nordostsiam aufgrund der für die Bauern sehr hohen Steuern.

Koenig Chulalongkorn

König Chulalongkorn, Rama V.

Auf außenpolitischem Gebiet mussten die beiden Könige Mongkut und Chulalongkorn mit ansehen, wie sich das Kolonialreich Frankreichs in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ausdehnte.
Nachdem Frankreich Südvietnam erobert hatte, stellte es den Anspruch einer Schutzmacht für Kambodscha und zwang Siam unter militärischen Drohungen, auf jeglichen Einfluss in seinen früheren Vasallenstaat zu verzichten.
1887 wurde die indochinesische Union gegründet, an die 1893 auch Laos angeschlossen wurde.
England hatte 1885 im dritten anglo-burmesischen Krieg Nordburma erobert. Es schloss 1896 mit Frankreich einen Vertrag, welcher den Mekong zur Grenze zwischen den beiden Kolonialmächten machte und Siam die Unabhängigkeit als Pufferstaat einräumte.

In den folgenden Jahren verlor Siam noch alle verbliebenen kambodschanischen Provinzen an Frankreich und die malayischen Sultanate an England, so dass die siamesische Hoheit über seine Nachbarvölker im Jahre 1910, als König Chulalongkorn starb, zu Ende war.

Der Weg zur konstitutionellen Monarchie

Nachfolger von König Chulalongkorn wurde König Vajiravudh, besser bekannt als Rama VI. Er hatte als designierter Thronfolger in Großbritannien Recht und Geschichte studiert. Nach seiner Thronbesteigung vergab er wichtige Beamtenposten an ihm ergebene Freunde, die nicht zum Adel gehörten und dazu noch weniger qualifiziert waren als ihre Vorgänger, ein bis dahin nicht dagewesenes Vorgehen.

In seine Regierungszeit fallen einige Änderungen, welche Siam dem Ausland noch stärker annäherte. So wurde der gregorianische Kalender eingeführt, alle Bürger Siams mussten einen Familiennamen annehmen, und Frauen wurden zum Tragen von westlicher Kleidung und westlichen Frisuren ermuntert. Ein Staatsbürgerschaftsgesetz wurde erlassen. Anstrengungen im Bildungsbereich wurden verstärkt, so wurde die Chulalongkorn-Universität gegründet und eine Schulpflicht für alle 7- bis 14-Jährigen eingeführt. Wegen akuten Geldmangels wurde von der Schulpflicht zunächst jedoch nur etwa die Hälfte der Kinder erfasste.

Chakri-Dynastie

Könige der Chakri Dynastie

König Vajiravudh war ein Liebhaber von Literatur und Theater und übersetzte ausländische Literatur in seine Muttersprache.
Er schuf das geistige Fundament für eine Art Thai-Nationalismus, ein Phänomen, welches in Siam bis dahin unbekannt war. Es beruhte auf der Einheit von Nation, Buddhismus und Königtum und verlangte von seinen Untertanen Treue zu allen drei Institutionen.

Als König Vajiravudh im Jahr 1925 starb, hatte sich in der Intelligenzschicht des Landes eine gewisse Unzufriedenheit mit der Monarchie breit gemacht. Obwohl König Vajiravudh wichtige Posten an Nicht Adelige vergab, fand keine Umgestaltung der politischen Institutionen statt. Auch der kostspielige, luxuriöse und teils frivole Lebensstil des Monarchen erregte Missfallen bei der Elite des Landes.

König Vajiravudh

König Vajiravudh, Rama VI.

Nachfolger König Prajadhipok (Rama VII.) etablierte eine neue Institution, den Obersten Staatsrat. Er wurde mit einflussreichen Mitgliedern der königlichen Familie besetzt. Da in der Elite des Landes zunehmend die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie gefordert und diskutiert wurde, ließ er eine Verfassung ausarbeiten, die jedoch aufgrund von Widerständen im Königshaus selbst nicht umgesetzt wurde.

Die Weltwirtschaftskrise (1929) traf in jener Zeit auch Siam hart. Der Preis des wichtigsten Exportguts Reis verfiel rapide. Als direkte Folge der Wirtschaftskrise sank das Einkommen der Bauern und somit auch die Staatseinnahmen.
Vor dem Hintergrund dieser sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten kam es 1932 zu einem Staatsstreich, infolgedessen sich der König einer neuen Verfassung unterwerfen musste.

Ein kleiner Kreis aus der neuen bürgerlichen Elite und unterstützt von einigen Militärs, gelang es, die letzte absolute Monarchie in Siam am 24. Juni 1932 in einem nahezu gewaltlosen Putsch zu stürzten.

Phraya Manopakorn Nititada

Phraya Manopakorn Nititada

Das politische Spektrum neuen bürgerlichen Elite, die sich Khanaratsadorn („Volkspartei“) nannte, reichte von Sozialisten bis zu Anhängern totalitärer Ideen. Die neuen Amtsinhaber installierten eine konstitutionelle Monarchie mit Prajadhipok als König an der Spitze des Staates. Eine entsprechende Verfassung wurde am 10. Dezember des Jahres 1932 verkündet.
Noch am selben Tag wurde Phraya Manopakorn Nititada, der bereits seit dem 28. Juni provisorischer Amtsinhaber war, zum ersten offiziellen Premierminister ernannt.

Nach immer wiederkehrenden Unruhen und Putschversuchen dankte im Jahre 1935 der König ab und stirbt 1941 im englischen Exil.

Allerdings führt der Sturz der Monarchie nicht zu freien Wahlen. Politische Zusammenschlüsse bleiben verboten. Bürokratie und Militär teilen sich die Macht in der Nationalversammlung. Im April 1933 erlässt die Regierung die „Anti-Kommunismus-Verordnung“, welche die Unterstützung kommunistischer Ideen mit zehn Jahren Haft bedroht. Dies richtete sich nicht nur gegen die KP Thailand, sondern auch gegen die sozialistischen Wirtschaftsideen in den eigenen Reihen. Gleichzeitig erstarkt der nationale Idealismus, angelehnt am totalitären Gedankengut Italiens, Deutschlands und Japans.

Liste der Könige der Chakri Dynastie

Die Chakri - Dynastie

  • Rama I. (Phra Phuttayodfa Chulalok Maharat) 1782-1809
  • Rama II. (Phra Phuttaloetla) 1809-1824
  • Rama III. (Phra Nang Klao) 1824-1851
  • Rama IV. (Mongkut) 1851-1868
  • Rama V. (Chulalongkorn Maharat) 1868-1910
  • Rama VI. (Vajiravudh) 1910-1925
  • Rama VII. (Prajadhipok) 1925-1935
  • Rama VIII. (Ananda Mahidol) 1935-1946
  • Rama IX. (Bhumibol Adulyadej) seit 1946

Stambaum der Chakri-Dybastie

Stammbaum der Chakri-Dynastie, zum vergrößern bitte anklicken

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Über JoJo

Thailand, das Land der Freien – und ich habe das Glück seit 20 Jahren mit diesen freundlichen Menschen zu leben.

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